Unternehmer und Pressesprecher sind nicht rechtlos

Das Recht am eigenen Wort schützt schriftliche und mündliche Äusserungen - die Spielregeln eines guten Interviews können ausgehandelt werden. Zitate sind auch gegen Kontextentstellungen geschützt.

In einem Leserbrief an den "Tages-Anzeiger" klagte der der frühere Kabarettist Emil Steinberger, man könne heute ein Inteview geben, "und der Journalist hat nachher die völlige Freiheit, die Sätze rauszunehmen, die ihm nicht ins Konzept passen, ob dies ein falsches Bild gibt oder nicht. Da sind wir auf unserer Seite völlig machtlos...".

Emils Klage ist die Stimme eines Prominenten, keineswegs aber die Stimmung eines einzelnen. Der Sache gerecht wird die Aussage deswegen nicht. Das Lamentieren über die Medien wird nicht glaubwürdiger mit der Repetition des immergleichen Klagelieds. Bei allen Schamlosigkeiten, welche sich insbesondere die Boulevard-Presse und die reisserische Sonntagspresse erlauben, kann man aus rechtlicher Sicht festhalten: Niemand ist den Medien völlig machtlos ausgeliefert. Die Medienfreiheit hat ihre Schranken im Schutz der Persönlichkeit des Individuums. Dieser Persönlichkeitsschutz umfasst auch den Schutz des geäusserten Wortes. Insbesondere ist auch der Schutz einer Aeusserung im Gesamtkontex gewährleistet.

Wesentlich zu dieser Rechtsentwicklung beigetragen hat der Schriftsteller Heinrich Böll. Er hatte Ende der 70-er Jahre für sein Recht am eigenen Wort gekämpft, als man ihn durch tendenziöses Zitieren zum Terroristen-Sym-pathisanten stempeln wollte. Mit Erfolg. Niemand müsse es sich gefallen lassen, aus dem Gesamtzusammenhang heraus zitiert zu werden, hat das deutsche Bundesverfassungsgericht entschieden.

Was die Deutschen "informationelles Selbstbestimmungsrecht" nennen, kann auch schlicht mit "Selbstdarstellungsrecht des Individuums" umschrieben werden. Dieses schliesst Eigenverantwortung ein, verlangt Selbstgestaltung des Lebensraumes. In einer Rechtsordnung, welche auf dem Prinzip der Privatautonomie aufbaut, fallen auch Emil die Rechte nicht einfach zu, er muss etwas dafür tun, er muss sich schützen, er muss verhandeln, er muss sich Rechte ausbedingen.

Denn: Persönlichkeitsrechte sind nicht blosse Abwehrrechte, sie sind Leitplanken zur privatautonomen Lebensgestaltung. Statt über die Medien wie über die allmächtigen Ärzte zu klagen, gilt es auch im Medienbereich, vorerst an die Eigenverantwortung zu appellieren.

Auf das Mediengespräch bezogen bedeutet dies: Fragen stellen, Aufklärung über den Zweck des Interviews verlangen, das Gegenlesen oder die Autorisierung fordern, die Länge des Interviews besprechen etc. etc....selbst Titulatur und Titelseiten-Vermarktung können grundsätzlich zum Gegenstand einer Vereinbarung gemacht werden.

Nur ist es mit dieser Eigenverantwortung der Interviewten nicht immer weit her, wie die "NZZ" vom 31. Mai 1996 im Sportteil treffend kommentierte: "Die Zeiten, da charakterstarke Kerle wie der Sittener Goalie Pittet beschlossen, mit der Boulevardzeitung nicht mehr zu reden, sind vorbei. Offensichtlich ist es heute den Spitzenfussballern im Hinblick auf den Marktwert einfach wichtiger, dass sie um praktisch jeden Preis im Gespräch bleiben." Tatsächlich haben eigennützige Unterwürfigkeit und Duldung vielerorts die Autonomie und freie Lebensgestaltung verdrängt.

De iure ist alles verhandelbar, kann alles zur Bedingung eines Gesprächs gemacht werden. Wo immer das Gespräch gesucht wird, haben Interviewte und Befragte (auch PR-Fachleute) das Recht, Spielregeln für die Gesprächsführung und die Gesprächsauswertung festzulegen. Diese Gestaltungsmöglichkeiten sind dort ausgeschlossen, wo Medien gar nicht erst mit ihrem "Opfer" sprechen (was leider noch immer da und dort vorkommt).


Es gibt Spielregeln, die als geschäftsübliche Verkehrssitte Anerkennung gefunden haben, und andere, die von Fall zu Fall vereinbart werden müssen, ohne dass sich die Gesprächspartner auf eine geschäftliche Gepflogenheit berufen könnten. Ohne gegenlautende Vereinbarung dürfen die Gesprächspartner im Sinne einer Verkehrsitte davon ausgehen, dass

– das Gesprochene - gehörige Aufklärung und Information des Interviewten vorausgesetzt - ein für die Öffentlichkeit bestimmtes Gespräch ist;

– schriftliche Interviews, d. h. das Vorlegen schriftlicher Fragen und deren schriftliche  Beantwortung, nicht üblich sind;

– reine PR-Interviews nicht üblich sind und das Medienunternehmen sich nicht zu einer Veröffentlichung des Interviews verpflichtet, wenn das Gespräch auf diese Ebene abgleitet;

– der Zuzug weiterer Gesprächsteilnehmer nicht üblich ist;

– das Gesprochene inhaltlich nachträglich nicht wesentlich verändert werden kann, die Autorisierung deshalb lediglich der Sicherstellung der Inhaltskon-trolle und der Sprachkosmetik dient;

– eine Visionierung oder Autorisierung bei den elektronischen Medien nicht üblich ist, aber vereinbart werden kann, während die Autorisierung bei den gedruckten Medien im Zeitalter der Kommunikation über Fax als gebräuch-lich angesehen werden kann;

– das Gespräch nicht als ganzes widerrufen werden kann. Eine ausdrückliche Widerrufs-Vereinbarung ist bei elektronischen Medien nur bis zwei Stunden vor der Ausstrahlung wirksam (Empfehlung des Presserats), weil auch die Interessen der Programmgestaltung gewürdigt werden müssen. Bei Printme-dien ist ein Widerrufsrecht ebenfalls zeitlich zu limitieren, damit nicht kurz vor Redaktionsschluss ein Widerruf eintrifft;

– die Leistung des Interviewten in der Regel nicht entschädigt wird;

– dem Interviewten nur Textteile, in denen seine Aussagen verwertet werden, zur Autorisierung vorgelegt werden, nicht aber die übrigen Textteile, in denen allenfalls Aussagen von Drittpersonen zum gleichen Thema aufgeführt sind;

– das Gespräch nicht wortwörtlich, sondern in einer sprachlich geglätteten Form publiziert wird, Versprecher also geschnitten und Wiederholungen vermieden werden;

– das Gespräch nicht in seinem vollen Umfang, sondern in gekürzter Form veröffentlicht wird, wobei durch Kürzungen und Schnitte die Hauptaussagen nicht entstellt werden dürfen;

– das Gespräch nicht zu eigentlichen Werbezwecken für das Produkt, sondern höchstens in sachlichem Zusammenhang zur Produktegestaltung verwendet werden darf (z. B. Verwendung des Bildnisses auf der Frontseite, Textanriss, Vorschau-Trailer etc.);

– das formalisierte Interview nicht ohne Wissen des Gesprächspartners kommentiert wird.


Nicht auf geschäftsübliche Gepflogenheiten, sondern nur auf besondere Vereinbarungen können sich die Parteien berufen bezüglich

– Absprachen, welche die Dauer des Gesprächs betreffen;

– Absprachen, welche einen bestimmten Mindestumfang des veröffentlichten Interviews betreffen;

– Absprachen, welche Bedingungen und Auflagen zur gestalterischen und textlichen Umsetzung des Interviews betreffen ( Verbot oder Auflagen bezüg-lich Frontanrisse; Illustrationen, Titel, Zwischentitel etc.);

– Absprachen, welche die kommentierende Begleitung des Interviews durch den Verlag resp. den Journalisten betreffen, insbesondere bezüglich Fragen, welche der Interviewte nicht beantworten wollte;

– Absprachen, wonach auf eine Publikation des Interviews verzichtet werden kann, wenn es inhaltlich nicht den Vorstellungen des Fragestellers entspricht, d.h. insgesamt als uninteressant empfunden wird. Grundsätzlich aber ist die Zeitung verpflichtet, das Interview zu veröffentlichen, wenn eine vertragliche Abmachung vorliegt.*


*  Dieser Beitrag ist ein (leicht gekürzter) Vorabdruck aus dem Rechtshandbuch von Dr. Bruno Glaus „Kreativität, Kommunikation und Konflikte“, welches im Sommer 2000 erscheint. Der Autor des Lehrbuches ist Rechtsanwalt in Uznach und Dozent für Kommunikations- und Werberecht am Schweizerischen PR-Institut in Biel und Zürich. Er führt regelmässige Workshops in Firmen und Verwaltungen zum Thema „Umgang mit Medien“ durch. Kontakt- und Bestelladresse: Dr. Bruno Glaus, Obergasse 28, 8730 Uznach, Tel. 055 285 20 20, Fax. 285 20 29, e-mail: glaus.praxis@bluewin.ch.


DSG: Fairnessregeln für Informationsverarbeitung
Das sogenannte „Recht am eigenen Wort“ ist sowohl im Fall Jagmetti wie auch im Fall Blocher verletzt worden. Beide wurden in kontextentstellender Art zitiert.

Mit dem verhängnisvollen Zitieren von Botschafter Jagmetti und mit den Falsch-Zitaten von Nationalrat Christoph Blocher in der "Sonntags-Zeitung" ist einer breiteren Öffentlichkeit bewusst geworden, dass nicht nur das Bild, sondern auch das Wort des Menschen eines Schutzes bedarf. Im allgemeinen Wehklagen über die angebliche Machtlosigkeit Betroffener den Medien gegenüber wird gerne übersehen, dass das Schweizerische Recht diesen Schutz seit Jahren bereitstellt unter dem Titel "Das Recht am eigenen Wort".

Informationelles Selbstbestimmungsrecht
Der persönlichkeitsrechtliche Schutz des Wortes ist in Vielem deckungsgleich mit dem Schutz des Bildes. Vor Inkrafttreten des neuen Datenschutzgesetzes im Jahre 1992 mussten beide Rechte aus der Blankettnorm zum Persönlichkeitsschutz (Art. 28 ZGB) abgeleitet werden, seit 1992 sind die Regeln des Datenschutzgesetzes, in welchem der allgemeine Persönlichkeitsschutz konkretisiert worden ist, Grundlage für das rechtmässige Zitieren. Das Recht am Wort und das Recht am Bild haben beide ihr Fundament im Selbstdarstellungs- bzw. Selbstbestimmungsrecht des Menschen.

1) Wer sich nicht freiwillig in die Öffentlichkeit begibt oder sich nicht als Politiker oder Person der Zeitgeschichte zur Person des öffentlichen Lebens macht, darf gegen seine Einwilligung weder mit Bild noch mit Worten in den Medien dargestellt werden.

2) Wo die Abbildung oder das Zitieren grundsätzlich zulässig ist (so im Fall Jagmetti und Blocher, weil beide als Personen der Zeitgeschichte und des öffentlichen Lebens einzustufen sind), müssen Spielregeln beachtet werden: Wort und Bild dürfen nur mit rechtmässigen Mitteln beschafft werden. Wo Wort und Bild in die Medienarbeit verwoben werden, müssen die Prinzipien von Treu und Glauben und der Verhältnismässigkeit beachtet werden. Auf keinen Fall dürfen Wort und Bild verfälscht oder in einen andern Kontext gestellt werden.